Übersicht

Nachrichten

Erforschung einheimischer Schnurwürmer gibt Einblick in evolutionäre Entwicklung und zeigt mögliche wirtschaftliche Nutzung von Tiergiften auf – LOEWE-TBG-Forscherteam publiziert dazu

Der Milchweiße Schnurwurm verfügt über einen Rüssel, dessen giftige Spitze er in die Haut seines Beutetiers schlagen kann
© Rainer Borcherding / Schutzstation Wattenmeer
Der Milchweiße Schnurwurm verfügt über einen Rüssel, dessen giftige Spitze er in die Haut seines Beutetiers schlagen kann

Die überwiegend im Meer lebenden Schnurwürmer (Nemertinen) sind weitgehend unbekannt. Dabei haben Forscherinnen und Forscher in einem Verbundprojekt im Rahmen des LOEWE-Zentrums für Translationale Biodiversitätsgenomik (TBG) kürzlich herausgefunden, dass ihr Gift uns Menschen durchaus nützlich sein könnte. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Marine Drugs“ publiziert.

Schnurwürmer besitzen einen Rüssel, den sie für die Jagd oder auch zum Erkunden der Umgebung ausstülpen können. Außerdem produzieren sie Gifte, die zum einen passiv über die Haut abgegeben werden, um sich vor Fressfeinden zu schützen. Zum anderen nutzen die Würmer ihr Gift, um Beute zu lähmen und zu töten. Das Forscherteam untersuchte die Gifte verschiedener Schnurwürmer-Arten, um diese miteinander vergleichen zu können. „Der in Deutschland heimische Milchweiße Schnurwurm hat eine Spitze an seinem Rüssel, die wie ein Stilett aussieht. Stülpt der Schnurwurm seinen Rüssel aus, durchschlägt die Spitze regelrecht die Haut seines Beutetiers, und das Gift dringt ein“ erklärt Dr. Maria Nilsson-Janke, Wissenschaftlerin am LOEWE-Zentrum TBG und am Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum. Projektleiter Dr. Björn von Reumont vom Institut für Insektenbiotechnologie (LOEWE-Zentrum ZIB) an der Justus-Liebig-Universität Gießen erzählt von einer Art, die lediglich einen ‚unbewaffneten‘ Rüssel besitze, aber dennoch nicht ungefährlicher sei. „Für diese Arten sind bisher nur einzelne Giftbestandteile, sogenannte Toxine, aus dem Hautschleim bekannt; diese zeigen jedoch eine große Wirkung auf Insekten und Krebse. Eines dieser Toxine wird sogar als mögliches Bioinsektizid weiter erforscht – also als Pflanzenschutzmittel, das wirksam ist gegen Schädlinge, aber nützliche Insekten schont“ so von Reumont. Beim Vergleich der beiden Gifte stießen die Forschenden auf weitere Unterschiede, die auf voneinander abweichende evolutionäre Entwicklungen hindeuten. Nicht zuletzt weisen die Forschungsergebnisse darauf hin, dass in den verschiedenen Arten der Schnurwürmer vermutlich bisher nicht erfasste Toxine vorkommen, die als Nervengifte wirken. „Unser Ziel ist es, die Evolution der Giftproteine in Schnurwürmern umfassend nachzuvollziehen. Dafür wollen wir unsere bisherigen Ergebnisse mit der Analyse der Genomdaten mehrerer Arten verknüpfen. Parallel arbeiten wir daran, die Wirkungsweise und auch das Potenzial für mögliche pharmakologische und agrochemische Anwendungen einzelner Toxine der Schnurwürmer zu untersuchen“ sagt von Reumont abschließend.