ProLOEWE Persönlich
Professor Dr. Andreas Gattinger Wissenschaftler mit Bodenhaftung – global denken und voneinander lernen

Prof. Gattinger, gemeinsam mit Prof. Lutz Breuer waren Sie Sprecher des LOEWE-Schwerpunkts GreenDairy. Worum ging es bei dem Projekt – und wie entstand die Idee?
Den ersten Impuls zu GreenDairy gab 2017 die novellierte Düngeverordnung, denn daraus folgend brauchten wir aus Wasserschutzgründen einen größeren Güllebehälter, den wir aber nur weiter entfernt vom Standort des alten Milchviehstalls auf dem Gladbacherhof hätten bauen können. Und so „wedelte, in diesem Fall, der Schwanz sozusagen mit dem Hund“: Ein Neubau musste her! Und dann doch am besten gleich mit dem passenden Forschungskonzept dazu! Gesagt, getan, und so standen bald das Konzept, der neue Stall und auf unterschiedliche Art gefütterte 64 Kühe links und 64 rechts des Futtertisches. Unser Ziel war es mit GreenDairy, innovative Tier-Pflanzen-Agrarsysteme zu entwickeln, die ökologisch und ökonomisch nachhaltig sind und zugleich ein hohes Maß an Tierwohl ermöglichen. Das Projekt stützte sich dabei auf die neue Forschungsinfrastruktur eines digitalisierten Milchviehhaltungssystems an der Hessischen Staatsdomäne Gladbacherhof der Justus-Liebig-Universität (JLU) Gießen. Dieses System ermöglicht den wissenschaftlichen Vergleich von sogenannten High-Input- und Low-Input-Milch-Produktionssystemen. Low-Input-Systeme mit Weidegang und überwiegendem Raufutter aus dem Grünland gelten bislang als Idealbild in ökologisch wirtschaftenden Milchviehbetrieben, während im High-Input-System mit Weidegang zusätzlich erhöhte Anteile hofeigener Maissilage und Getreide eingesetzt werden. Das ganze Versuchsmanagement läuft systemspezifisch und dank Digitalisierung können wir eine sehr hohe Präzision in der Versuchsdurchführung und der Datengewinnung und Dokumentation gewährleisten.
Mögen Sie uns etwas zu Ihrem persönlichen Werdegang erzählen?
Ich komme aus einem bäuerlichen Kontext, und seit meinem Dienstantritt an der JLU Gießen im April 2017 wohne ich gemeinsam mit Frau und Sohn auch wieder auf dem elterlichen, landwirtschaftlichen Betrieb in Selters im Taunus, gerade einmal 6 km vom Gladbacherhof entfernt. Meine Eltern wollten ursprünglich nicht, dass ich Agrarwissenschaften studiere, sie sahen in der Landwirtschaft keine Zukunft. So habe ich zunächst eine Chemielaborantenausbildung bei Fresenius Pharma absolviert, danach in Neuseeland auf mehreren Farmen gearbeitet und schließlich doch Agrarwissenschaften in Kassel und Aberdeen, Schottland studiert. In der Zeit in Aberdeen erwachte mein Interesse für den Themenkomplex „Bodenökologie“, so dass ich, zurück in Deutschland, am damaligen Institut für Bodenökologie am Helmholtz Zentrum München zu „Methanproduzierenden und -konsumierenden Bodenmikroorganismen in Agrarökosystemen“ geforscht und dies schließlich als Doktorarbeit an der TU München eingebracht habe. Einige Jahre später heuerte ich an einem Frankfurter Start-up zur Begrünung von Wüstenstandorten in Saudi-Arabien, Oman und Abu Dhabi an. Es folgte eine aufreibende, aber auch sehr lehrreiche und spannende Zeit, die mich zudem in Kontakt zu Prof. Urs Niggli brachte. An dessen Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick, in der Schweiz, durfte ich dann von 2010 bis 2017 das Themengebiet Klima aufbauen. Am Ende der sieben Jahre FiBL stand eine erfreuliche Erfolgsbilanz, wie die rund sechs Millionen Euro Drittmitteleinwerbungen und meine Berufung als Professor für Ökologischen Landbau an die JLU in Gießen zeigten.
LOEWE gilt als einzigartiges Förderinstrument in Hessen. Was konnten Sie durch diese Unterstützung erreichen?
Mit der LOEWE-Forschungsförderung konnten wir eine europa- vielleicht sogar weltweit einmalige Plattform für vergleichende Agrarsystemforschung mit Kühen in Hessen etablieren. Wenngleich die Baugenehmigung und der Finanzierungsplan für den Forschungsstall schon vor dem Bescheid der LOEWE-Förderung vorlagen, hat sich beides gegenseitig beflügelt. Coronabedingt kam es zu zeitlichen Verzögerungen und Preissteigerungen bei einigen Baugewerken, und die bundesweiten ÖkoFeldtage auf dem Gladbacherhof standen auch vor der Tür. Da war das Eintreffen der Förderzusage seitens LOEWE im Sommer 2021 mit Projektbeginn Januar 2022 absolut motivierend und hat zudem die Dringlichkeit des Baufortschritts untermauert. So kam es, dass die Kühe Ende Mai 2022 den neuen Stall beziehen und wir vier Wochen später diese nagelneue Forschungsinfrastruktur des GreenDairyProjekts im Rahmen der Öko-Feldtage einer stattlichen Zahl von rund 12.000 Besucherinnen und Besuchern präsentieren konnten.
Die LOEWE-Förderung für GreenDairy ist Ende 2025 ausgelaufen. Wie geht es nun weiter?
Auch wenn die LOEWE-Förderung für GreenDairy ausgelaufen ist, betrachten wir das Projekt keineswegs als abgeschlossen. Im Gegenteil: Die Forschungsarbeiten der vergangenen Jahre haben große Resonanz erzeugt – inzwischen sogar international. Einen wesentlichen Beitrag dazu hat meine Mitarbeiterin Deise Knob geleistet. Durch ihre Kontakte sind Agrarwissenschaftler:innen aus Brasilien gezielt auf uns zugekommen, die wie wir nach umweltverträglichen, klimaresilienten und tierwohlorientierten Lösungen für die Milchwirtschaft suchen. Aus diesem Austausch ist eine enge wissenschaftliche Kooperation entstanden. Gemeinsam mit unseren brasilianischen Partnern haben wir einen DFG-Antrag eingereicht, der darauf abzielt, unsere Erkenntnisse weiterzuentwickeln und auf neue klimatische und agrarische Kontexte zu übertragen. So können wir Fragen der Resilienz, Emissionsminderung und nachhaltigen Bewirtschaftung künftig global denken – und gegenseitig voneinander lernen
Neben Forschung und einem Hof, gibt es da noch Zeit für den Ausgleich zum Beruf?
Sagen wir so, dadurch, dass es sich in meiner Forschung und Lehre alles um die Landwirtschaft und sich während meiner Freizeit alles um den Hof dreht, also auch wieder Landwirtschaft, konkurrieren diese beiden Welten nicht so sehr miteinander. Auch habe ich mittlerweile einige Flächen verpachtet und lasse Arbeiten wie Aussaat und Ernte im Auftrag erledigen. Insofern bedeutet diese Nebenerwerbslandwirtschaft keinen Stress für mich, und ich kann mir gezielt Arbeiten wie Zäune bauen, Kompost ausbringen oder Pflügen als Freizeitausgleich herauspicken.
Heute Morgen zum Beispiel saß ich bereits um sechs Uhr auf dem Traktor. Durch den leichten Frost im Morgengrauen waren nämlich die Bedingungen zum Pflügen ideal. Gerade bei solchen Arbeiten finde ich Ruhe, Fokus und Raum für meine Gedanken. Wenn der Motor gleichmäßig brummt und sich die Landschaft in der klaren Morgenluft langsam abzeichnet, kann ich wunderbar abschalten – und, zugegeben, oft entstehen dabei auch die besten Ideen für meine Forschung. Für mich ist das kein zusätzlicher Stress, sondern genau die Art von Beschäftigung, die mich erdet und inspiriert.
Andere Möglichkeiten zum Ausgleich finden ebenfalls direkt vor meiner Haustür statt. So haben wir unserem Betrieb Saisongärten angegliedert, die aktuell zum Beispiel von Menschen genutzt werden, die keinen eigenen Garten haben und bei uns für eine Saison ein Stück Land pachten. Wir bepflanzen die Fläche zu Beginn mit einer bunten Mischung aus Gemüse- und Salatsorten, und ab dann übernehmen die Pächterinnen und Pächter die Pflege, die Ernte und die Nachsaat. Unter unserer fachlichen Anleitung gelingt es sogar absoluten Garten-Neulingen, am Ende des Sommers stolz mit Körben voller Gemüse nach Hause zu gehen.
Ausgleich bietet mir auch unser tierischer Hofstab: Alf, der treue Hofhund, einige Katzen, acht Schafe, die sehr kommunikative Kollegen sind, und eine Truppe Hühner, die wir liebevoll unsere zirkulären Hühner nennen. Das sind ehemalige Legehennen, die eigentlich nicht mehr „gebraucht“ werden. Wir retten sie, und sie bedanken sich mit viel Charakter, einer Prise Chaos und hin und wieder einem Ei.
Und selbstverständlich gibt es da noch meine Familie und Freunde, die mir immer wieder helfen, meinen Fokus zu neu zu finden. Sie sorgen dafür, dass aus all dem Trubel eine wunderbare Balance entsteht. Dieser Mix aus Menschen, Natur und Tieren sorgt dafür, dass ich meinen Ausgleich ganz selbstverständlich finde.
Das Gespräch führte Tanja Desch.
Zur Person
Professor Andreas Gattinger zwischen „seinen“ Kühen im Forschungsstall auf dem Gladbacherhof im hessischen Villmar.
Erschienen in ProLOEWE NEWS

Ausgabe 01.2026 | März
Themen
Endlich: Mit dem Frühling erscheint auch die erste Ausgabe der ProLOEWE-NEWS 2026. Diesmal mit der Frankfurt Cancer Conference, deren Vorsitz LOEWE-FCI hat. Mit LOEWE und ProLOEWE, die auf der MS Wissenschaft unterwegs sind, dem neuen Podcast „Vernetzt denken, vernetzt behandeln“ des LOEWE-Zentrums DYNAMIC und vielen Themen mehr.
ProLOEWE persönlich
Unter der Rubrik ProLOEWE-persönlich lernen Sie Prof. Dr. Andreas Gattinger kennen, einen Wissenschaftler mit vielfältiger beruflicher Erfahrung, der global denkt und dabei die Bodenhaftung nicht verloren hat.