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ProLOEWE Persönlich

Professorin Stefanie Dehnen Gedruckte Langzeitdatenspeicher

© Jochen Mogk

Frau Professorin Dehnen, Sie sind Wissenschaftlerin beim LOEWE-Schwerpunkt MOSLA, Molekulare Speicher zur Langzeitarchivierung, können Sie uns etwas über das Projekt und Ihre Arbeit dort erzählen?

Gerne! In dem Projekt geht es darum, neue Methoden zu entwickeln, mittels derer sich Daten sicher und dauerhaft speichern lassen. Auf diese Weise möchten wir einem „Digital Dark Age“ entgegenwirken. Hierfür testen wir in dem MOSLA-Konsortium verschiedene Ansätze auf Basis von Molekülen. Während die meisten anderen Projekte sich mit Speichern auf Basis von DNA-Molekülen befassen, arbeiten wir an Tinten als Langzeitdatenspeicher. Dafür versuchen wir mithilfe von Clusterverbindungen, die extreme nicht-lineare optische Eigenschaften haben, Tinten zu erzeugen, die sich anhand der optischen Antwort nach Anregung mit einfachen CW-Infrarot-Laserdioden unterscheiden. So soll wahlweise Zwei- oder Mehrfarbdruck auf Basis dieser sehr robusten und langlebigen Moleküle realisiert werden. Wir sind diesem Ziel inzwischen recht nahegekommen, aber der Weg war steinig, da wir uns mit Fragestellungen auseinandersetzen mussten, die bisher nicht in unserem Fokus lagen. So haben wir viele Monate mit Tests zur Zusammensetzung und der Verträglichkeit von Tinten, speziell von den verwendeten Lösungsmitteln in den Druckerkartuschen zugebracht – und dabei enorm viel gelernt: Wir wissen nun, welche Komponenten entscheidend sind für die Druckbarkeit eines bestimmten Molekültyps und sind damit einen großen Schritt weitergekommen.

Sie haben Chemie studiert, ein Fach, das bei den meisten bereits in der Schule eher unbeliebt ist. Haben Sie eine Idee, was man tun könnte, um Chemie und MINT-Fächer ganz allgemein und insbesondere für Mädchen attraktiver zu machen?

Generell hat Chemie leider bei vielen Menschen ein schlechtes Standing und häufig auch mit Negativberichterstattung in der Presse zu kämpfen – dabei ist fast alles, was uns umgibt Chemie! Seien es die natürlichen Stoffe wie Luft, Wasser oder biochemische Substanzen jeglicher Art oder die vielen Gebrauchsartikel, ohne die wir uns unser Dasein nicht mehr vorstellen wollen: Das beginnt bei dem Material für Zahnbürsten, Hygienetüchern, und (aktuell) Masken und schließt HighTech-Materialien für Mobiltelefone oder Outdoor-Aktivkleidung ein. Meiner Meinung nach muss daran gearbeitet werden, ein Bewusstsein für diesen Sachverhalt zu schaffen und zugleich die Angst vor Chemie als „dreckiger Wissenschaft“ einerseits und „unverständlichem Schulstoff“ andererseits zu nehmen. Tatsächlich ist es dem Wissen und Geschick von Chemikern zu verdanken, dass das meiste, was die chemische Industrie (zumindest hierzulande) produziert, sauber und sicher hergestellt werden kann. Die Auflagen sind enorm und der Fortschritt gerade im Bereich der Nachhaltigkeit rasant. Bezogen auf die Ausbildung muss in den Schulen so früh wie möglich angesetzt werden Naturwissenschaften ernsthaft zu lehren. Kleine Kinder haben ein unfassbares Aufnahmevermögen für diese Zusammenhänge – und genauso, wie es für den Fremdsprachenunterricht ratsam ist, nicht erst in der Mittelstufe (und damit in der Pubertät!) damit zu beginnen, wäre es auch für den Physik- und Chemieunterricht hilfreich, früher und dadurch selbstverständlicher einzusteigen. Das würde auch die Genderbalance vereinfachen, da die schulischen Interessen im früheren Alter noch ähnlicher sind. Im Chemikum Marburg können wir Woche für Woche erleben, mit welcher Begeisterung und Unbefangenheit besonders junge Kinder mit dem Thema Chemie umgehen, die Experimente durchführen und sich von diesem wunderbaren Fach begeistern lassen.

Schon vor Ihrer Beteiligung an MOSLA waren Sie als Wissenschaftlerin an anderen LOEWE-Vorhaben beteiligt. Was denken Sie, was das LOEWE-Programm so besonders und wichtig macht für die (Grundlagen-)Forschung?

Das universitätsübergreifende Format ist eine Besonderheit, mit der sich die LOEWE-Verbünde zumindest von den zumeist stark ortszentrierten Sonderforschungsbereichen abheben. Dadurch erweitern die Beteiligten unweigerlich ihren Horizont, und es ergeben sich Kooperationsmöglichkeiten, die sich vor dem Start der Vorhaben so sicherlich nicht angeboten hätten. Das Programm trägt somit entscheidend zur Netzwerkbildung in Hessen bei – sowohl inter- als auch intradisziplinär. Dadurch, dass auf diese Aspekte Wert gelegt wird, können die LOEWE-Verbünde eine neue Dimension der gemeinsamen „Grundlagenforschung mit Vision“ erschließen.

Sie sind als Wissenschaftlerin sehr erfolgreich, was sich unter anderem in einer beachtlichen Anzahl von Preisen, darunter der Leibniz-Preis 2022 niederschlägt, und das mit Familie: Hatten Sie immer das Gefühl, dass es heutzutage einfach ist Beruf und Familie zu vereinen? (Und falls nicht: Was müsste sich verändern?)

Nein, einfach war und ist das zumindest in unserem Land nicht. Man muss in der Familie ein gutes Team sein. Besonders, wenn die Kinder klein sind, ist nicht nur die Solidarität des/r Partner/in gefragt, sondern auch eine funktionierende und zuverlässige Kinderbetreuung. Und hierbei meine ich explizit nicht „Kinderaufbewahrung“, sondern individuell passende Modelle, um Arbeitszeit zu ermöglichen und dennoch keine „Rabeneltern“ zu sein. Das entspricht oft genug einer Quadratur des Kreises – selbst, wenn alle Kinder gesund und die Babysitter verfügbar sind. Wir haben mit unseren vier Kindern vermutlich jedes Modell ausprobiert – und es hat zu den jeweiligen Zeitpunkten und das jeweilige Kind auch immer gut gepasst. Hier war zum Teil Glück im Spiel, aber auch viel Fleiß und auch Verzicht auf die eine oder andere Freizeitbeschäftigung – ich würde es aber immer wieder so machen und rate jedem dazu, den Mut dafür aufzubringen. Die gute Nachricht ist, dass sich in den vergangenen 30 Jahren viel getan hat – sowohl im Bereich der Kinderbetreuung als auch in der Akzeptanz arbeitender Mütter oder Elternpaare.  

Wissenschaft geht meist weit über das was man als Beruf im alltäglichen Sinne versteht hinaus, gibt es trotzdem andere Tätigkeiten mit denen Sie in Ihrer Freizeit für einen Ausgleich sorgen?

Das gibt es definitiv: Ich spiele seit Studienbeginn – und seit fast 20 Jahren als Konzertmeisterin – in einem der besten Uniorchester unseres Landes mit, was ich als großes Glück empfinde. Auch ansonsten spielt Musik in meinem Leben eine große Rolle; Kammermusik und die musikalische Ausbildung unserer Kinder sind hierbei wichtige Aspekte. Außerdem lese ich gerne auch nicht-fachliche Literatur und genieße, wann immer es möglich ist, zusammen mit meiner Familie die Natur.