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Professor Dr. Peter Haslinger Europakenner mit Weitblick

Peter Haslinger 2
© Jörg Dedering

Professor Haslinger, Sie sind Direktor des Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg und – gemeinsam mit Ihrer Kollegin aus der Gießener Slavistik Prof. Dr. Monika Wingender – Sprecher des LOEWE-Schwerpunkts ‚Konfliktregionen im östlichen Europa‘. Was möchten Sie im Rahmen der vierjährigen Forschungsförderung erreichen?

Mit dem Ende des Kalten Krieges, der EU-Osterweiterung und der Annäherung zwischen dem Westen und Russland in den 1990er Jahre war in Politik und Medien oft zu hören, der Osten Europas habe aufgehört eine Region großer Konflikte zu sein. Die Zerfallskriege im ehemaligen Jugoslawien erschienen als die Ausnahme in einer erfreulichen Gesamtentwicklung. Viele weitere Regionalkonflikte erhielten damals daher kaum die nötige Aufmerksamkeit. Das hat sich seit der Krim-Annexion ins Gegenteil gedreht. Im LOEWE-Schwerpunkt merken wir, dass der Bedarf an Erklärungen immens ist. Wir möchten an dieser Stelle nicht nur Informationen über einzelne Konflikte in die Diskussionen einspeisen, sondern auch Deutungswissen zur Verfügung stellen. Damit wollen wir zeigen, wie man sehr komplexe Ursachen und Faktoren, die regionale Konflikte befeuern, offenlegen kann und wie Hintergründe einzuordnen sind. Dabei legen wir einen Schwerpunkt auf die kulturelle Dimension, die in den Medien oft nicht richtig bewertet wird, und wir wollen für langfristige Entwicklungen sensibilisieren. All das geschieht auf Augenhöhe mit unseren langjährigen Partnern im östlichen Europa, auch und über Projekte in der digitalen Lehre und der Lehrplanentwicklung für Universitäten.

Welche Bedeutung und Auswirkung hat dieser Konflikt Ihrer Einschätzung nach für die nächsten Jahrzehnte auf die Weltpolitik? Mit dem zunehmenden Zerbröckeln der multilateralen Weltordnung der letzten 30 Jahre hat sich die Ostflanke Europas inzwischen wieder in eine geopolitische Bruchlinie verwandelt. An einigen Stellen wie der Ukraine und Georgien können wir von keiner befriedeten und stabilen Lage sprechen, in der Ostukraine wird nach wie vor gekämpft. Der Osten Europas – und damit meine ich explizit auch Russland – verdient unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. Hier und in den Übergangszonen zum Nahen und zum Fernen Osten wird sich in den kommenden Jahres vieles entscheiden, das für die Zukunft unseres Kontinents zentral ist. Die alleinige Konzentration auf die großen Player – die USA, die EU, Russland, evtl. noch die Türkei – ist dabei aus meiner Sicht das falsche Rezept. Die Länder in der Region müssen sichtbarer werden und bei allen Planungen eine größere Rolle spielen.

Sie sind in Innsbruck geboren, haben in Wien und Budapest studiert und gearbeitet, leben und arbeiten mittlerweile schon viele Jahre in Marburg und Gießen, glauben Sie, dass Sie dieser Werdegang besonders (europäisch) geprägt hat? Ich denke schon. Die Teilung der Welt im Kalten Krieg habe ich spät, aber mit eigenen Augen miterlebt. Das Jahr 1988/89 habe ich als Stipendiat der Ungarischen Akademie der Wissenschaften in Ungarn verbracht und den Beginn des Zusammenbruchs der kommunistischen Systeme hautnah miterlebt. Während meines Studiums in Wien habe ich verstanden, dass kulturelle Vielfalt nicht nur als Teil der eigenen Geschichte, sondern als positiver Gesellschaftsentwurf verstanden werden kann – auch wenn ich die k.u.k.-Nostalgie à la Sissi inzwischen sehr kritisch sehe. Ich würde mich daher zunächst als Europäer bezeichnen, da ich die Vielfalt Europas schätzen und lieben gelernt habe. Ich sehe aber inzwischen genauso gut, dass es eine gemeinsame Werteordnung und gemeinsame Perspektiven in zentralen Fragen braucht, um das Friedensprojekt Europa auch für zukünftige Generationen zu bewahren.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft im Hinblick gerade auf die Entwicklung in Ost- und Mitteleuropa? Zuerst macht mir die Welle der neuen nationalen Interessens- und Identitätspolitik zunehmend Sorgen. Hier wächst ein neuer Politikstil heran, der Konflikte innerhalb Europas zukünftig befördern wird, weil die Rückkehr ins Denkmuster der „Erbfeindschaften“ fast schon vorgezeichnet ist. Deshalb halte ich auch Formeln wie illiberale Demokratie oder Europa der Vaterländer für fatal. Gleichzeitig bin ich gegen ein vorschnelles „Abschreiben“ von Ländern wie Ungarn oder Polen als Beispiele für gescheiterte Integration. Schon unmittelbar nach dem Fall der Berliner Mauer war mir klar, dass wir keine stromlinienförmige Entwicklung erwarten können. Trotz aller berechtigter Kritik an sozialen Verwerfungen in den neuen EU-Partnerländern halte ich die Osterweiterung nach wie vor für einen der größten Erfolge in der jüngeren europäischen Geschichte. Die Hoffnungen, die mit der EU-Mitgliedschaft verbunden waren, sind aber bisher nur zum Teil eingelöst worden. Ich plädiere daher für Geduld, Einfühlungsbereitschaft und Fingerspitzengefühl bei den westlichen Partnerländern, wo oft noch Unwissen und Desinteresse vorherrscht. Ich bin aber auch für ein kompromissloses Festhalten an jenen Werten, die Europa zu dem gemacht haben was es in meinen Augen nach wie vor auch ist: ein umfassendes Friedensprojekt mit Mechanismen, bewaffnete Konflikt gar nicht erst entstehen zu lassen.

Zur Person

  • Professor Dr. Peter Haslinger Direktor des Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropaforschung, Marburg

Erschienen in ProLoewe News

Ausgabe 02.2019

Ausgabe 02.2019

Themen

Wie weit die Forschung nach drei Jahren LOEWE-Förderung fortgeschritten ist Präsentiert BAMP! in einer Konferenz im November nicht nur anhand von hochkaratigen Vorträgen, sondern auch mit handfesten Experimenten. re/set MOBILITY DESIGN: SHAPING FUTURE MOBILITY Welche Rolle nimmt Design bei der Nutzung zukünftiger Mobilitätssysteme ein? – diese Frage diskutieren Expertinnen und Experten auf Einladung des LOEWE-Schwerpunkts „Infrastruktur – Design – Gesellschaft“ im Rahmen einer Konferenz.

ProLOEWE persönlich

Außerdem: ProLOEWE persönlich über Professor Peter Haslinger.

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